Als Sebastian und ich am 15. Januar zum ersten Mal frisch in Dublin ankamen, um die erste Ladung Gepäck nach Dundalk zu bringen, wussten wir noch nicht mal so richtig wie dieser Ort überhaupt ausgesprochen wird. Zuerst gingen wir davon aus, dass es ähnlich wie “walk” gesprochen werden muss – nur mit “Dun” und mit “d” statt “w”. Dass diese Annahme falsch sein musste, haben wir bemerkt, als wir am Flughafen nach der Busverbindung gefragt haben. Das erste Irland-Kennenlernen dauerte nur vom 15.-17. Januar 2007. In Wernigerode wartete schließlich noch eine Menge Projektarbeit auf uns. Bereits während des kurzen Ausflugs durften wir die irischen Preise kennenlernen, die es sich, wie angekündigt, in sich hatten. Das Bier ging bei 1 Euro pro 0,5 Liter los, Nutella war zum Glück nur 50 Cent teurer als in Deutschland.
Als wir dann schließlich am 4. Februar endgültig in Dundalk eintrafen, wurde uns deutlich, dass die Studenten hier doch viel Freizeit haben müssten, wenn man so die ganzen Playstations oder Nintendo WII Konsolen sah. Am ersten Tag im College haben wir gleich bemerkt, dass zwischen den Unis/FH in Deutschland und dem DKIT deutliche Unterschiede bestehen. Wir wurden netterweise an die Hand genommen, dass mich an meine Schulzeit in der 7. Klasse erinnerte. Die Studenten waren dementsprechend mit 17-20 Jahren auch nicht wirklich alt für eine Uni wie in Deutschland. In der ersten Woche wurde uns auch klar, dass hier alles etwas mehr “easy peasy” verläuft. Die 15 Minuten Verspätung oder das “Nicht-Erscheinen” wurden von nun an “That’s irish” genannt. Als das Semester beendet wurde, war es auch wirklich beendet. Hier sind Ferien noch Ferien.
Leider mussten wir immer wieder feststellen, dass sich die “grüne Insel” mit den schönen Wiesen an einigen Stellen mit den Dosen in der Landschaft doch sehr blechig präsentiert. Etwas Plastik hier und da wurde natürlich auch geboten. Gründe dafür könnten das schlechte Umweltbewusstsein – auch ein Auto wurde für 300 Meter benutzt – oder die mangelnde Verbreitung der Mülleimer sein. Dies gilt allerdings nicht unbedingt für die Touristenregionen im Westen Irlands.
Umso angenehmer war ein Besuch im Pub, das samt Teppichboden und Kamin immer schon das Wohnzimmer der Iren war. Seit 2004 sind diese Lokale auch Zigarettenrauchfrei, was die Sache noch gemütlicher macht. In Deutschland bin ich es gewohnt, dass man nach einem Besuch im Pub seine Sachen waschen darf. In Irland wird zu jeder Tageszeit getrunken. Das spielt die Regel “kein Bier vor Vier” keine Rolle. Nach der Vorlesung wurden eben mal so 3 Guinness getilgt. Vielleicht lag das frühe Trinken daran, dass die Geschäfte ab 23 Uhr kein Alkohol mehr verkaufen dürfen und die Pubs 1 Uhr schließen.
Dundalk, ein Ort mit ca. 30,000 Einwohnern, hat gut 5x soviel Bars, Pubs & Nightclubs wie Wernigerode. Wenn man diese betritt, sofern man reingelassen wird, merkt man gleich, dass da auch 5x mehr abgeht als in Wernigerodes Ausgehmöglichkeiten. Es gab nur wenige Pubs und Nightclubs, wo man nicht gleich Lackschuhe und kurz geschorene Haare tragen musste, um Eintritt gewährt zu bekommen. Der “Spirit Store”, wo jedes Wochenende Konzerte stattfanden, war der angenehmste aller Pubs in Dundalk, der noch etwas rustikaler und nicht so stylisch mit Plasmafernsehern aufgemacht ist. Nachdem ich von meinem kurzfristigen Deutschlandtrip im Mai für 2 Tage zu ökologisch perversen Preisen (Hin-und Rückflug für 34 Euro) wieder angekommen bin, ging es am Abend gleich zu einem Punkkonzert im “Spirit Store” mit vier Bands. Nach einem kurzen Plausch vor dem Pub meinte ein Ire, dass er jetzt schnell in das Pub müsse, um einen Sitzplatz zu ergattern, was mich etwas stutzig gemacht hat. Konzi ? Sitzplatz? Komisch, dachte ich. Als ich mit Sebastian den Raum betrat, war bei uns beiden die Verwunderung groß. Gemütlich bei Kerzenlicht, wie bei einem Jazzkonzert, als hätten alle das Rentenalter schon längst erreicht, saßen die Gäste da und warteten auf die Band. In der ersten Reihe, wo bei uns in Hannover im “Chez Heinz” normalerweise der Pogo getanzt wird, saßen wir nun da, als würden wir die Bands nach Dieter-Bohlen-Manier beurteilen müssen. Bis heute ist mir unklar, warum die jungen Leute bei einem Punkkonzert sitzen.
Dabei gibt es doch so viele Jugendliche in Irland, die sich nicht verstecken müssen. Als ich im Kino war, um mir den Film “28 Weeks later” anzuschauen, fühlte ich mich wie in William Goldings Roman “Lord of the Flies”. Der ganze Saal war im Durchschnitt höchstens 19 Jahre alt. Da gehörte ich schon zum alten Eisen. Eins wird immer wieder deutlich – nicht nur im Kino, auch in Shopping Malls, Pubs, Parks & auf den Straßen – Irland hat die Anzahl an jungen Leuten zu bieten, die Wernigerode an Rentnern hat. Wenn man einmal in Wernigerode war, weiß man sofort, dass diese Stadt mit all ihren Rentnern jenseits von jugendlichem Flair lebt.
Nachdem Sebastian mit seinen langen Haar das ein oder andere Mal komisch angesprochen wurde, wenn man zusehen muss, wie in den Vorgärten der studentischen Häuser Müll verteilt wird, als wären Bierdosen Dünger für den Rasen, und erleben muss, wie im Wohnheim Flaschen vom Balkon geschmissen werden, wenn darunter Leute stehen und immer wieder Gegenstände zerstört werden, muss ich leider postulieren, dass die jungen Irinnen/Iren eine zum Teil intolerante, homogene und unreife Gesellschaft mit ökologischer Gleichgültigkeit ist. Die angehenden Männer imponierten mit aufgemotzten Autos, die jungen Damen hatten dafür das Kleidungsmotto weniger ist mehr. Ein 4-Rohrauspuff am Opel Corsa für den jungen Mann und “sexy” Hotpant für die Lady sind Dinge, die man haben muss im heutigen Irland, das jetzt mit $40.600 pro Einwohner und 4,5% Arbeitslosenquote zum 2. reichsten Staat der EU zählt. Im konsumfreudigen Irland wird schnell Geld, was immer öfter von der Bank kommt, für Dinge verbraten, die die Welt nicht wirklich zum Leben braucht (10 Euro Diskoeintritt, wenn man nach 24 Uhr eintritt). Die ältere Generation hingegen schätzt die Errungenschaften noch etwas mehr. Hilfsbereit, zuvorkommend und freundlich habe ich sie kennengelernt. So z.B. gehört das Trampen (Hitch Hiking) immer noch zu einer gängigen Fortbewegungsmöglichkeit in Irland. Schließlich haben die Älteren noch Erinnerungen an ein Irland in den Köpfen, als das Land zum Armenhaus Europas gehörte. Durch den schnellen wirtschaftlichen Aufschwung kam es parallel zu rasanten gesellschaftlichen Veränderungen. Mittlerweile hat sich Irland vom Auswanderungs- zum Einwanderungsland gewandelt. Die Kirche hat in der jungen Generation deutlich an Bedeutung verloren, das Geld dafür umso mehr gewonnen, die Scheidung ist seit 1995 per Gesetz erlaubt, die Abtreibung trotzdem weiterhin verboten. Als Folge hat Irland eine hohe Geburtenrate, viele allein erziehende Mütter, jede Frau hat im Durchschnitt 1,86 Kinder, 20% der Bevölkerung sind unter 15 Jahre alt.
Um Irland überall kennenzulernen, habe ich es mir zum Ziel genommen, dass Land überall sehen zu wollen. Mehrere Male wurde mit Besuch aus Deutschland das Land erkundet. Heraus gekommen sind: 4000 Kilometer auf der linken Straßeseite, 4x Cliff’s of Moher (wahrscheinlich war ich da jetzt öfter als die meisten Iren), mit Kilian & David in Dublin 150 Euro am Abend ausgeben, eine Rundfahrt mit Bastian und Birgit durch Kerry und Burren, ein Ausflug mit Eltern & Vicky durch die Wicklow Mountains, ein 6-tägiger Roadtrip mit meiner lieben Victoria & anschließender Besichtigung Belfasts (inkl. Bürgerkriegsspuren) und eine pilsige naturverbundene Woche in Kerry mit Brüdger & Viola in Violas “Seefin Lodge”. Im Januar, als ich noch in Deutschland war, meinte unser Irlandfreund und Laboringenieur Ulli Zock zu mir: “Irland ist Natur, Pub & Guinness”, womit er Recht hatte. Dublin ist nett, aber die einsame Natur in Kerry oder Connemara hat mehr zu bieten, was Heinrich Böll schon vor 50 Jahren im “Irischen Tagebuch” geschrieben hat und bis heute noch aktuell ist, und ein Pub fern vom Dubliner Viertel “Temple Bar” ist günstiger und weniger mit Touristen überfüllt.
Als ich wieder in Deutschland war, wurde ich natürlich mehrfach gefragt, wie es denn nun war dort in Irland. Als Antwort habe ich meistens gegeben, dass es eine gute Mischung aus Urlaub und Studium war. Die Frage “Was hat es gebracht?” kann ich nur beantworten, wenn man bedenkt, mit welcher Erwartung ich dort hingefahren bin. Sie war eindeutig: Ich wollte mein Studium gut abschließen und das Land von Süden, Norden, Osten bis Westen kennenlernen, was mir zurückblickend gut gelungen ist.













2 Antworten bisher ↓
Hallo Chrissi,
auch wenn dein Abschlusstext recht lang ist, finde ich ihn sehr gelungen.
LG,
Hey Christian!
Dein abschließender Erfahrungsbericht gefällt mir sehr. Kritisch reflektiert vermittelt er ein gutes Bild, dass ein Aussenstehender von Irland hat.
Die Jugend in Irland und hier auf La Palma scheint dabei sehr ähnlich zu sein. Jungs motzen ihre fahrbaren Untersätze auf, um die Mädels aufzureißen, die sich genau für diesen Zweck in einen Hauch von nichts gehüllt haben.
Bis dann
Jiggah
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